Kuscheltier & Co.

girl-797837_1920Sie hören uns zu, wenn wir jemanden zum Reden brauchen, können uns trösten, sie schimpfen nicht, sind stets verfügbar und widmen uns all ihre Zeit. Übergangs- oder Ersatzobjekte wie das Kuscheltier haben eine zentrale Bedeutung im Leben vieler Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene können von den Streicheleinheiten der „plüschigen Freunde“ profitieren. Laut einer repräsentativen GfK-Umfrage, bei der über 1100 erwachsene Deutsche teilnahmen, nimmt jeder siebte deutsche Erwachsene auf seinen Reisen ein Kuscheltier mit sich. Als Begründung gaben die Teilnehmer u.a. an, dass das Kuscheltier als Glücksbringer, Einschlafhilfe oder aber zur Vertreibung der Einsamkeit auf den Reisen diene.1

Prof. Dr. Sander L. Koole der Vrije Universität in Amsterdam konnte bei seinen Forschungen zeigen, dass „selbst ein lebloses Objekt zu berühren – wie einen Teddybären – existenzielle Ängste beruhigen kann.“ Koole konnte in verschiedenen Experimenten die positive Bedeutung von Berührung bei Menschen mit geringem Selbstwertgefühl aufzeigen. „Zwischenmenschliche Berührung“, so Koole, „ist ein so machtvoller Mechanismus, dass sogar Objekte, welche die Berührung anderer Personen simulieren, helfen, in den Menschen ein Gefühl existenzieller Bedeutsamkeit zu erzeugen.“2

Nach psychoanalytischer Ansicht sind Übergangsobjekte wie der Teddybär Objekte, die es dem Kind ermöglichen, den Übergang von der engen Mutter-Kind-Beziehung zu reiferen Beziehungen zu ermöglichen. Diese Aufgabe können neben einem Kuscheltier auch eine Schmusedecke oder ähnliche Gegenstände übernehmen. Der Teddy ersetzt dabei die Funktion der „abwesenden“ Mutter und kann u.a. Wärme, Geborgenheit und Berührung schenken. Entwicklungspsychologen sehen in der Beziehung des Kindes zum Kuscheltier zudem eine Vorstufe des Spielens und kreativen Handelns, die sich zumeist im Alter von 4-12 Monaten manifestiert und im Laufe der Zeit an Bedeutung verliert.3 Kuscheltiere, so die amerikanische Psychologin Prof. M. Taylor von der University of Oregon, „sind die Partner in der ersten wirklich selbstbestimmten Beziehung der Kinder“.4 Weitere Theorien sprechen von einer Identifizierung des Kindes mit seinem Kuscheltier, um sich selbst und seine Rolle in der Gesellschaft auszutesten. Dabei würden empathische Fähigkeiten sowie soziales Verhalten ausgebildet.5 „Jedes Feuerwehrauto“, so Mechthild Seithe, Professorin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Jena, „hat heute als Standardausstattung ein paar Kuscheltiere an Bord, weil […] ein verzweifeltes, leidendes, traumatisiertes Kind sich eher von einem Kuscheltier trösten lässt als von einem fremden erwachsenen Menschen.“6

bear-1272755_1920Aber auch viele Erwachsene besitzen noch bis ins hohe Alter ihren persönlichen Kuschel-Begleiter. Psychotherapeutin und Personal Coach Géraldyne Prevot-Gigant nennt hierfür das Bedürfnis nach Sicherheit, Liebe und Trost aufgrund der Angst vor dem Erwachsenwerden oder -sein und einer oftmals unsicheren Beziehung zur Mutter in der Kindheit als Hauptgründe. Man solle sich deswegen jedoch keinesfalls schämen, da einem ein solches „Übergangsobjekt“ erlaube, mit Trennungsängsten umgehen zu lernen. Eine solche Verbindung zu einem Kuscheltier, so Prevot-Gigant, sei eher bei Menschen zu finden, „die sehr oder sogar viel zu früh reif waren. Aufgrund eines Erlebnisses oder einer frühzeitigen Verantwortung war der Übergang vom Kind zum Jugendlichen oder vom Jugendlichen zum Erwachsenen zu abrupt. Diese Menschen hatten keine Zeit, sich von bestimmten alten Gewohnheiten zu lösen. Im Alltagsleben sind diese Personen jedoch sehr reif, verantwortungsbewusst und verlässlich. Sie haben sich nur eine große Sensibilität bewahrt. […] Wenn das Bedürfnis in einem vernünftigen Rahmen bleibt, ist es überflüssig, sich davon um jeden Preis trennen zu wollen. Manchmal muss man auch einfach warten, dass gewisse Prozesse abgeschlossen sind, bevor man zu etwas anderem übergeht. Menschen, die zu schnell erwachsen wurden, müssen sich zum Beispiel erst zugestehen, auf das Kind in sich zu hören. Darum rate ich manchen Patienten sogar, das Kuscheltier aus der Kindheit herauszukramen, um die Etappen der Vergangenheit noch einmal zu durchlaufen.“7 Vor allem in der therapeutischen Arbeit mit dem sogenannten „Inneren Kind“ kann dies eine besondere Rolle spielen.

Um die Erfindung und den Namen des weltweit bekannten „Teddybären“ ranken sich noch immer Legenden und Spekulationen. Sicher ist jedoch, dass er vielen Menschen, Kindern wie Erwachsenen, ein liebgewordener Freund ist, der uns auch ein bedeutsamer Spiegel sein kann, nämlich für unser natürliches und beschützenswertes Bedürfnis nach Berührung und einer liebevollen und ehrlichen Umarmung.

 

TIPP: „Das KUSCHELTIER“ im Blick der Wissenschaft, BLOG von Mechthild Seithe, Professorin für Sozialpädagogik an der FH Jena

Quellen:

1 http://www.bestfewo.de/ferien-blog/2012-02/jeder-siebte-deutsche-reist-mit-kuscheltier-15908

2 https://www.psychologicalscience.org/index.php/news/releases/touch-may-alleviate-existential-fears-for-people-with-low-self-esteem.html

3 https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbergangsobjekt

4 http://www.familie.de/kind/kinder-und-ihre-kuscheltiere-509129.html

5 http://www.periplaneta.com/plusch-die-psychologie-von-kuscheltieren/

6 http://daskuscheltier.de/im-blick-der-wissenschaften/

7 http://www.gofeminin.de/mein-leben/kuscheltier-komplex-d17159c245270.html

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