Gruppen-Umarmung

people-1355497_1920Vier, sechs oder gar noch mehr Männer, die sich inniglich umarmen, voller Freude, Glücksgefühlen und vielleicht sogar unter Tränen – und all das auch noch live im Fernsehen – gibt es so etwas? Ja, und viele Millionen von uns teilen ihre Emotionen, denn was wäre schon eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne jene euphorische „Spielertraube“, die nach dem lang ersehten Siegestreffer zumeist dem Turnier-Ersten gebührt? Forschungen und Analysen zu Spielen der NBA und Fußball-Weltmeisterschaften konnten zeigen, dass jene Teams, die einander am meisten berührten, später auch den großen Sieg davontrugen.1 Denn „Berührungen“, so Haptikexperte Martin Grunwald, „können als kurze Signale das Teamgefühl stärken und das Leistungsvermögen steigern.“1

Viele Seminare und Workshops weltweit wählen zur Einheitsbildung von Gruppen das Anfassen im Kreis und auch Kinder kennen meist diverse Singspiele, die diese Verbindung zueinander nutzen. Auch in zahlreichen Kulturen spielt die Berührung im Kreis eine besondere Rolle. So erzählt Werner Bartens in seinem Buch „Wie Berührung hilft“ (2014) vom Stamm der Babemba. Schulter an Schulter steht hier die Dorfgemeinschaft während eines Rituales im Kreis, rings um einen der Dorfbewohner, jenem nämlich, der ein Unrecht begangen hat. Jedoch wird der Übeltäter „nicht etwa bestraft oder beschimpft, sondern so lange von seinen Nachbarn an seine guten Eigenschaften erinnert, bis er wieder mit einem angenehmen Gefühl in die Dorfgemeinschaft zurückkehren und von dieser aufgenommen werden kann. […] und als erstes Zeichen kann er sich in den Kreis seiner Mitbewohner einreihen und mit ihnen den Schulterschluss üben“1.

staging-258631_1920Auch „Chant“-Gruppen, welche die positiven Eigenschaften des Singens von Mantren zelebrieren, nutzen oftmals die Berührung im Kreis, um Synchronisations-, bzw. tranceverstärkende Effekte zu erzielen. Studien konnten aufzeigen, dass die Struktur von Musik beim Singen u.a. direkte Auswirkungen auf unsere „Herzfrequenzvariabilität“ hat.2 Eine hohe Veränderlichkeit zwischen der Dauer zweier Herzschläge wird heute in der Medizin als wichtiger Indikator für die körperliche Gesundheit angesehen. Besonders das Singen von Mantren, jedoch auch Chorgesang, synchronisiert demnach nicht nur individuell unsere Atmung und unseren Herzschlag (Respiratorische Sinusarrhythmie), sondern synchronisiert diese aufgrund der musikalischen Struktur auch innerhalb von Gesangs-Gruppen zwischen den einzelnen Personen.2 Unsere Körpermechanismen passen sich also untereinander an.

Eine ähnliche Synchronisierung von Herzschlag und Atmung tritt laut einer Studie aus dem Jahre 1996 (Tiller et al.) auf, wenn wir Emotionen wie Liebe oder Dankbarkeit empfinden3, während jene „Balance zwischen Atmung und Herzschlag […] bei Reaktionen wie Hetze („Stress“), Ärger oder Angst“4 verschwindet. Sowohl subjektiv als auch biologisch hat die „Kopplung“ dieser Körpermechanismen eine beruhigende Wirkung und beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor.

Dankbarkeit und Liebe sind Gefühle, die auch Teilnehmer der modernen „Kuschelpartys“ während des Gruppen-Kuschelns erfahren. Gerhard Schrabal, Autor des Buches „Kuschel dich glücklich! – Die heilende Energie von Kuschelpartys“ (2014), beschreibt auch hier Resonanz- und Synchronisationseffekte innerhalb der Gruppen, die eine harmonisierende Wirkung auf die Teilnehmer haben. Diese sogenannte „Kuschel-Energie“ führt Schrabal jedoch auf die entspannende Wirkung des Glückshormones Oxytocin, welches bei Berührungen freigesetzt wird, sowie auf die Effekte von Pheromonen und Spiegelneuronen in unserem Körper, zurück.5

friends-1027840_1920Vor einiger Zeit hatte ich selbst die Gelegenheit, an einem Workshop zum Thema „Tango-Therapie“ teilzunehmen. Überraschenderweise stellte die Begegnung nicht etwa den Tanz, sondern die Umarmung als zentrale Botschaft in den Mittelpunkt. Wir meditierten gemeinsam und lernten einander spielerisch kennen. Am beeindruckendsten jedoch waren für mich die letzten Momente der Veranstaltung, denn zur Vollendung des Workshops „verschenkte“ unser Anleiter ein Lied an einen Freiwilligen, der seine Augen schließen und dabei das Stück, im Wissen um seine spezielle Bedeutung in jenem Moment, auf sich wirken lassen sollte. Es war eine liebe Freundin von mir, die sich letztlich bereit erklärte. Per Handzeichen wurde allen anderen Teilnehmern während des Liedes signalisiert, sie Stück für Stück gemeinsam als Gruppe zu umarmen. Einer nach dem anderen ging auf sie zu, seine Arme um sie schließend, bis wir alle einander umarmten, mit meiner Freundin im Zentrum dieser wundervollen Erfahrung. Schon nach wenigen Momenten begann sie vor „Berührung“ zu weinen und auch ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Es war ein unglaublich intensiver Moment des Angenommenseins, der Fürsorge und Gemeinschaft, der mich tief bewegt und auch für meine spätere Arbeit inspiriert hat.6

Es ist anzunehmen, dass liebevolle Berührungen in Gruppen zumindest potentiell zu einer Verstärkung der Gefühle von Angenommensein, Sicherheit und Geborgenheit, die auch bei Berührungen im Zweierkontakt auftreten, führen können. Eine Gruppen-Umarmung kann ein starker Ausdruck für Akzeptanz in einer Gemeinschaft sein und eröffnet uns ebenso einen geschützten Raum der „Anonymität“ innerhalb der Gruppe, da diese Form der Berührung weniger auf ein Gegenüber, als auf den Ausdruck von Emotionen gerichtet ist.

Doch egal ob die Berührung zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern, Freunden oder einander völlig unbekannten Menschen – Berührungen und Umarmungen in Gruppen können unser Herz berühren und stärken, und das nachgewiesenermaßen körperlich, wie auch seelisch.


Quellen:

1 Werner Bartens (2014): Wie Berührung hilft – Warum Frauen Wärmflaschen lieben und Männer mehr Tee trinken sollten, Knaur-Verlag, München

2 http://journal.frontiersin.org/article/10.3389/fpsyg.2013.00334/full

3 https://www.researchgate.net/publication/14407144_Cardiac_coherence_A_new_noninvasive_measure_of_autonomic_nervous_system_order

4 https://de.wikipedia.org/wiki/Herzfrequenzvariabilit%C3%A4t

5 Gerhard Schrabal (2014): Kuschel dich glücklich! – Die heilende Energie von Kuschelpartys, Schirner Verlag, Darmstadt

6 Erfahrungsbericht von Marcus Hartmann, Autor des BLOGs „Berührung & Umarmung“