Die Ehrung der Füße

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Wenngleich uns bewusstseinserforschende Praktiken wie die Meditation in die Lage versetzen können, unser Bewusstsein in jeden erdenklichen Teil unseres Körpers zu transferieren, nehmen wir unseren Körper in seiner Gesamtheit doch gemeinhin „aus unserem Kopf heraus“ wahr. So betrachtet, sind unsere Füße die wohl am weitesten von unserem Bewusstsein entfernten Abschnitte unseres Körpers. Sie verbinden uns mit der Erde, verleihen uns Stabilität („der Boden unter meinen Füßen“) und tragen uns unser gesamtes Leben hinweg durch die Welt. Sie drücken unsere Selbstbestimmung („auf eigenen Füßen stehen“) und mit ihr unsere Sicherheit und „Standfestigkeit“ aus. Sie sind aber auch ein Symbol der Unterwerfung der Welt (unter unseren Füßen). Und ähnlich wie der Abdruck unserer Hände, vermitteln auch die Spuren unserer Füße Wiedererkennbarkeit durch Individualität („in die Fußstapfen eines anderen treten“, Cinderellas passender Schuh). Neben dieser Symbolik stellt der Fuß im Christentum oftmals ebenso „das niedrigste am Menschen“ dar. Das Waschen der Füße als christliche Tradition dient daher auch der Demonstration von Demut1.

In der Traumdeutung wiederum symbolisieren unsere Füße, ihrer Etymologie entsprechend2, unter anderem unseren eingeschlagenen Lebensweg und wichtige Lebensentscheidungen oder aber die Art und Weise, wie wir leben („auf großem Fuß leben“), während das Küssen der Füße eines anderen Menschen oft als Demütigung, Unterwerfung oder aber Demut verstanden wird. Barfüßigkeit gilt hingegen als Symbol der Freiheit und Verkörperung eigener Prinzipien sowie der Entblößung unserer ureigenen Wahrheit.

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In vielen alten Kulturen gelten unsere Füße als Verbindungsglied zur Erdenergie, fruchtbare Energie, die durch unsere Füße hinein in unseren Körper strömt. Wir „fassen Fuß“, wenn wir uns verbunden mit der Erde, dem Land oder einem Gebiet fühlen (wollen), auf dem wir stehen.3 In der Körpersprache verrät die Stellung unserer Füße worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Chakren-Lehren sprechen vom Fuß-Chakra oder der Verbindung unserer Füße mit unserem ersten großen Chakra, dem am Ende unserer Wirbelsäule befindlichen Wurzelchakra*. Und bei der Traditionellen Chinesischen Fußreflexzonen-Massage wird jedem Teil des Fußes eine entsprechende Wirkung auf ein Organ unseres Körpers zugesprochen.

Auch bezüglich unserer Sexualität lassen sich zahlreiche historische sowie zeitgenössische Belege finden, die den Füßen eine besondere Rolle zumessen. So stellte der sogenannte „Lotusfuß“, das extreme Einbinden und Kleinhalten der weiblichen Füße, lange Zeit ein Schönheitsideal im alten Kaiserreich China dar.4 Und wer kennt nicht das heimliche „Füßeln“ unter dem Tisch als Ausdruck intimer Vertrautheit und sexueller Annäherung. Im Osmanischen Reich, Großbritannien sowie zahlreichen britischen Kolonien wurden lange Zeit Ziegen, die Salz von den Füßen der Menschen leckten, als Foltermethodik eingesetzt.5 Auch heute noch wird das schmerzhafte Kitzeln u.a. in der sexuellen Praktik des BDSM genutzt. Viele Fußfetischisten drücken über die Fixierung auf die Füße als sexuelles Reizobjekt Unterwerfung oder aber Dominanz, z.B. durch das Treten der Füße, aus. Wieder andere sehen Füße als regelrechtes Symbol für Obszönität an und verbinden mit ihnen sehr stark negative, trennende und ablehnende Gefühle, bis hin zum Ekel.

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Und so kann die Berührung oder das Küssen der Füße sehr widersprüchliche Gefühle und Reaktionen in uns auslösen. Sie reichen von Dankbarkeit, Entspannung, Verehrung, Demut und Wertschätzung der berührten Person, bis hin zu Gefühlen von Demütigung, Unterwerfung („ich liege dir zu Füßen“, „jemandem die Füße küssen“) und gänzlicher Entwertung des Berührenden.

Im Bewusstsein um diese Dualität ehrt der Massierende bei einer Tantra-Massage die Gesamtheit seines Gegenübers. Dabei umfährt er mit den Händen die Körperaußenseiten des Massierten, vom Kopf, bis hin zu den Füßen, wo er die Füße mit den flachen Händen bedeckend leicht umgreift, während der Massierende selbst achtungs- und liebevoll vor dem Massierten niederkniet, die Arme ausgestreckt und das Gesicht zur Erde gerichtet. Eine erhabene und zugleich demütige Haltung, die einen bewussten und liebevollen Umgang miteinander voraussetzt und die Erfahrung tiefen Respekts, von Würdigung und bedingungsloser Akzeptanz zweier Menschen schaffen kann.

* Das Wurzelchakra wird im weiblichen Körper oftmals zwischen den Eierstöcken verortet.

 


Quellen:
1 https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Fuss
2 http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/2wo/wort/idg/deutsch/f/fuss.htm
3 https://de.wiktionary.org/wiki/Fu%C3%9F_fassen
4 https://de.wikipedia.org/wiki/Lotosfu%C3%9F
5 http://kitzeln.net/kitzeln-als-foltermethode/
http://www.kreativinitiative.de/homepage/rote-schuhe/symbolik.htm
http://www.joakirsoft.de/index.php?s=barfuss
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