Berührungsangst

michelangelo-71282_1280Hast du dich im öffentlichen Nahverkehr oder bei einem überfüllten Konzert auch schon einmal wie eine „Sardine in der Dose“ gefühlt? Wir versuchen, ruhig zu bleiben, doch über den gewöhnlichen Stress hinaus, lösen solche oder ähnliche Situationen in vielen Menschen

Aggressionen oder gar Wutausbrüche aus. Der Puls steigt an und ein starkes Gefühl des Unwohlseins breitet sich in unserem Körper aus. Vielleicht erröten wir vor scham oder aber empfinden die Situation als eine klare Grenzverletzung und reagieren mit Panik. Im Jahre 1966 begann der Anthropologe Edward T. Hall sich genauer mit jenem inneren Konflikt in uns zu beschäftigen, der durch die räumliche Nähe bzw. Distanz anderer Menschen zu uns ausgelöst wird. Heute ist die „Intime Zone“ oder auch unser „persönlicher Schutzraum“ vielen ein Begriff. Hall konnte bei seinen Messungen zeigen, dass jener „Raum“, in den nur bestimmte Personen eintreten dürfen, kultur-, gesellschafts- und geschlechtsabhängig ist.1

Es gibt jedoch auch Menschen, die sich in ihrem Alltag ständig und für einen Außenstehenden scheinbar grundlos einer solchen Empfindung ausgesetzt fühlen und trotz ihres Bedürfnisses nach Nähe, mit großer Angst auf das Berühren oder Berührtwerden von anderen Menschen reagieren. Gründe hierfür sehen Psychologen häufig in der Erfahrung von Gewalt oder sexuellem Missbrauch. Infolge traumatischer und prägender Erlebnisse, wie die ständige Entwertung der eigenen Person durch nahe Bezugspersonen wie die Mutter oder den Vater, können wir ein stark negativ geformtes Selbstbild entwickeln und empfinden uns in der Konsequenz selbst als unattraktiv, entwerten den eigenen Körper oder sehen, z.B. infolge eines Missbrauchs, unseren Körper als Schuldigen unseres Leides an.

no-touching-98622_1280Während sich sexueller Missbrauch häufig in der Ablehnung von Berührungen durch das andere oder aber das eigene Geschlecht widerspiegelt, existieren ebenso Berührungsängste, die sich auf alle Menschen im Allgemeinen beziehen. Ursachen hierfür werden in unseren Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen vermutet. So hat der Umgang unserer Mutter oder unseres Vaters mit uns große Auswirkungen auf unser späteres Sozialverhalten. Wurden wir gestreichelt, umarmt und getröstet oder litten wir unter Kälte in unserer „Eltern-Kind-Beziehung“? Waren unsere Bezugspersonen verlässlich? Fehlt uns dieses Vertrauen in unserer Kindheit, fällt es uns als Erwachsene oftmals schwer, Vertrauen zu unseren Mitmenschen aufzubauen. Wir misstrauen und haben Angst vor der Entwertung durch den anderen, da wir nie gelernt haben, uns als liebenswert anzusehen, was oftmals ebenso eine Entwertung unseres Körpers nach sich zieht.

Wenngleich viele Menschen, oftmals auch aufgrund ihrer kulturellen Prägung, Vorbehalte bei bzw. Ängste vor intimen Berührungen haben mögen, ist die „Berührungsangst“ als Angststörung eine eher seltene Erkrankung. Vielmehr ist unser gleichzeitiges Bedürfnis nach Schutz und Intimität als gesunder Mechanismus und Teil unseres Lebens zu betrachten. So können manche Menschen ihre Intimität in einem geschützten Rahmen (zu Hause, zu zweit, etc. …) durchaus leben, scheuen jedoch Berührungen in der Öffentlichkeit.

hiding-1209131_1920Betroffene einer Angststörung spüren in einer angstauslösenden Situation u.a. Herzklopfen, Mundtrockenheit, Schwitzen, Panik, verstärkte Empfindungen, lange Atempausen oder Hyperventilation, erhöhte Muskelspannung oder Zittern.2 Dabei beschreiben viele Menschen mit starken Berührungsängsten den Kontakt vergleichbar mit „Feuer, das einen verbrennen würde“ und zum Erstarren bringe. Diplom-Psychologe Dr. Rolf Merkle rät auf seiner Website3, bei starken Ängsten immer (psycho-)therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, da z.B. eine tiefgreifende Angst aufgrund von Missbrauch nicht aus eigener Kraft heilbar sei. Eine Therapie ermögliche es, sich seiner Angst zu stellen und Stück für Stück Nähe, trotz eventuell aufkommender negativer Gefühle, zuzulassen. Man solle dabei jedoch bei sich selbst beginnen und seine Aufmerksamkeit auf den Berührungssinn richten, sich z.B. liebevoll eincremen, selbst massieren, mit einem Handtuch abrubbeln oder aber die Wärme des Badewassers spüren. Wichtig sei in jedem Fall jedoch ebenso, eine positive Einstellung zu sich selbst zu entwickeln. Später können dann regelmäßige Massagetermine, ein Massagekurs zum Berühren anderer, Shiatsu oder aber ein Haustier unserem Bedürfnis nach Berührung entgegenkommen und helfen, Vertrauen in sich und den eigenen Körper zu fassen.3 4 Ziel ist in jedem Falle, körperliche Berührungen annehmen und genießen zu lernen und dabei ein gesundes Verständnis von Nähe und Distanz zu entwickeln.

 


Quellen:

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Intime_Zone

2 https://es.wikipedia.org/wiki/Hafefobia

3 https://www.angst-panik-hilfe.de/angst-vor-beruehrung.html

4 http://www.lebenshilfe-abc.de/angst-vor-beruehrungen.html

 

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