Berührung & Krankheit

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Sowohl Berührungen als auch Krankheiten sind ein fester Bestandteil unseres Lebens. Und mehr noch, wenn wir erkranken, sehnen wir uns häufig nach liebevollem körperlichen Kontakt. Doch Krankheiten erwecken in uns ebenso das Bedürfnis, uns zu schützen, zurückzuziehen und in die Kontaktlosigkeit zu gehen. Wir empfinden einen natürlichen Ekel, denn bei vielen körperlichen Erkrankungen reicht eine Berührung aus, um Krankheitserreger zu übertragen. Dies löst jedoch häufig sehr widersprüchliche und verwirrende Gefühle in uns aus, die uns unter Umständen Schuld und Scham empfinden lassen. In extremen Fällen kann dies sogar zur sogenannten Haptophobie führen, einer tiefen Angst, sich durch Berührungen anderer Menschen anzustecken.15 Und auch Menschen mit psychischen Erkrankungen können unter Kontaktarmut leiden, da Freunde, Familie und sogar Unbekannte aufgrund sozialer Vorurteile Distanz zu ihnen aufbauen. So sei z.B. „das Bild vom Schizophrenen in der Öffentlichkeit […] oft fälschlicherweise geprägt vom wahnsinnigen Mörder in den Medien oder in Krimiserien“.13 Ein Umstand, der jedoch keinesfalls den Tatsachen entspricht.

Unzählige Filme widmen sich der Trennung einander liebender Menschen z.B. durch die Isolierung des Erkrankten in Quarantäne. Ob Zombie-Filme, globale Virus-Szenarien oder herzergreifende Liebes-Dramen, es scheint ein Thema zu sein, dass uns wortwörtlich berührt. Andererseits können Filme wie „Philadelphia“, die sich u.a. der Aufklärung über die AIDS-Erkrankung verschreiben, nicht nur soziale Vorurteile gegenüber bestimmten Krankheiten verdeutlichen, sondern ebenso unsere damit verbundene Scheu vor körperlichem Kontakt offenlegen.

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Auch Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung können in uns widersprüchliche Gefühle auslösen. So fällt es vielen schwer, behinderte Menschen enger zu berühren, sei es aus Verunsicherung, ideologischen Gründen oder aber aus Ekel und Angst, wie dies bei Menschen, die unter einer Teratophobie leiden, auftritt. Hierbei leiden die Betroffenen u.a. unter einer übermäßigen Angst vor entstellten Menschen.16 Doch auch ohne eine diagnostizierbare Angststörung suchen wir häufig, z.B. aufgrund der unbewussten Angst, selbst in der Zukunft an körperlicher Behinderung zu leiden, oder aber aufgrund von Ekel gegenüber Körperausscheidungen wie dem menschlichen Speichel, Abstand zu Behinderten. Dabei suchen gerade Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen, aufgrund erhöhter Sensibilität und Emotionalität, oft einen sehr engen körperlichen Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen.

Zudem wird ihnen oftmals auch ihr Anrecht auf Sexualität gänzlich abgesprochen. Sogenannte SexualbegleiterInnen bieten daher zunehmend oder aber ausschließlich behinderten Menschen sinnliche Berührungserfahrungen. So sei „Berührung und sexuell absichtsloser Körperkontakt auch bei Menschen mit geistiger Behinderung […] eine Möglichkeit, ihren Körper überhaupt zu begreifen“17 und könne u.a. behinderten Menschen nach sexuellem Missbrauch dabei helfen, wieder Vertrauen in Berührungen und körperlichen Kontakt aufzubauen.14



Doch Berührungen spielen noch bei vielen anderen Erkrankungen eine wichtige Rolle. So reagieren Menschen mit einer Fibromyalgie, einer Muskelerkrankung, häufig „überschießend“ bei Berührung durch nahestehende Personen.2 Eine genetische Störung des Aufbaus von Hautzellen verhindert, dass Menschen mit der sogenannten Schmetterlingskrankheit, der Epidermolysis bullosa, Berührungen von anderen Menschen empfangen können, da ihre Haut bei Berührung schnell Blasen, Wunden und Narben bildet.3 Dabei würde selbst das Laufen durch den Druck auf die Fußsohlen zur Qual.4 Zudem können auch bei einer Neuralgie, Nervenschmerzen, neben Taubheitsgefühlen bei Berührungen starke Schmerzschübe auftreten.6,7 Hirnverletzungen an verschiedenen Stellen des sogenannten Somatosensorischen Cortex, einem Bereich „der Großhirnrinde, der der zentralen Verarbeitung der haptischen Wahrnehmung dient“19, kann des Weiteren zu Veränderungen in der Wahrnehmung von Berührungen an den verschiedensten Stellen unseres Körpers führen. So nehmen Betroffene hier unter Umständen Wärme, Druck oder ihren Tastsinn verstärkt oder aber geschwächt wahr.20, 21

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Es existieren zudem verschiedene psychosomatische Leiden, also Störungen, die nicht auf körperliche Ursachen zurückzuführen sind, welche auf unsere Haut Auswirkungen haben. So auch die Neurodermitis (Atopische Dermatitis), bei der Betroffene unter starkem Juckreiz und infolge auch unter Juckflechten leiden. Ärzte sehen hier seelische Zustände, wie Stress, als einen bedeutenden Faktor.18 Bei der sogenannten Autismus-Spektrum-Störungen, tiefgreifenden Entwicklungsstörungen von Kommunikation und Interaktion im Kindesalter, empfinden viele Betroffene Berührungen aufgrund der Überempfindlichkeit ihres Tastsinns als extreme Belastung.11 Einige Studien legen jedoch nahe, dass auch sie Massagen zulassen und genießen können.12

Lebenswichtig können Berührungen jedoch u.a. nach schweren Unfällen und Verletzungen sein. So empfehlen Mediziner bei der ersten Hilfe neben dem Ansprechen des Betroffenen auch das Halten der Hand oder das Legen der Hand auf die Schulter des Verletzten.1 Und leichte Berührungen durch den behandelnden Arzt führen sogar dazu, dass Patienten ihre Medikamente regelmäßiger einnehmen.22

Wie Studien zeigten, können achtsamkeitsbasierte Massagetechniken wie „Insightouch“ zu einer hoch signifikanten Verbesserung depressiver Symptomatik (z.B. Schulgefühle, Suizidgedanken, Durchschlafstörungen, etc. …) beitragen. Zudem kann Berührung auch Depressionen bei der Alzheimer-Erkrankung entgegenwirken und auch bei Schwangeren können therapeutische Massagen depressive Symptome lindern.12 Bei Wachkoma-Patienten kann zudem bei Berührungen durch nahestehende Angehörige oder aber durch spezielle taktil-kinästhetische Stimulation eine physiologische Aktivitätserhöhung erreicht werden.8

Doch auch bei leichteren Erkrankungen und körperlichen Beschwerden ist physischer Kontakt besonders wichtig. Intuitiv reiben wir schmerzende Körperstellen bei Verletzungen oder mildern mit kreisenden Bewegungen Bauch- oder Kopfschmerzen. Und tatsächlich konnten Forscher bereits nachweisen, dass Eigenberührungen Schmerzen lindern.5

hand-984170_1920Doch es existieren ebenso Erkrankungen, bei denen sich der übermächtige Drang danach, etwas zu berühren, zu einer unerträglichen Folter entwickeln kann. Der Berührzwang, bei dem Menschen den Zwang verspüren, bestimmte Objekte zu berühren oder aber konsequent zu meiden, löst meist starke Panikgefühle im Falle des Nichteinhaltens des Zwanges aus. Die Einhaltung des Zwangs hingegen strukturiert und entspannt. Dabei berühren die Betroffenen Gegenstände unter Umständen immer in einer bestimmten Reihenfolge oder in einer ganz spezifischen Art und Weise.9

Dem entgegen stehen soziale Berührungsängste, die in ähnlicher Form in leichter bis starker Ausprägung den Betroffenen die Berührung oder das Zusammensein mit anderer Menschen unmöglich machen.10

Wenngleich viele Länder in den vergangenen Jahrzehnten den Sprung hin zu einer erweiterten Integration und Aufklärung über psychische, geistige und körperliche Erkrankungen geschafft haben, sind viele Menschen und deren Bedürfnisse noch immer weitestgehend Tabu-Themen. Letztlich ist Krankheit, in welcher Form auch immer, ein allgegenwärtiger Bestandteil unseres Lebens, dem sich wohl niemand gänzlich entziehen kann. Krankheiten berühren und können uns Berührungserfahrungen auf heilende oder aber schmerzliche Weise vermitteln. Und vielleicht hilft allein das Sich-berühren-lassen und die Akzeptanz unserer eigenen Verletzlichkeit, um erkrankten Menschen und ebenso uns selbst die Hand zu reichen.


Quellen:             

1 https://www.ruv.de/ratgeber/hilfe-im-schadenfall/auto/erste-hilfe

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Fibromyalgie

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Epidermolysis_bullosa

4 http://www.n-tv.de/wissen/Schmerzen-bei-sanfter-Beruehrung-article3773256.html

5 http://www.cell.com/current-biology/abstract/S0960-9822%2810%2901060-2

6 https://de.wikipedia.org/wiki/Neuralgie

7 http://www.heilpraxisnet.de/krankheiten/neuralgie-nervenschmerzen.php

8 http://www.schaedel-hirnpatienten.de/informieren/das-apallische-durchgangssyndrom/stimulation-im-wachkoma/index.html

9 http://www.paradisi.de/Health_und_Ernaehrung/Erkrankungen/Zwangsstoerungen/Artikel/16105.php

10 https://beruehrungundumarmung.wordpress.com/multimedia/beruehrungsangst/

11 https://de.wikipedia.org/wiki/Autismus

12 http://greatergood.berkeley.edu/article/item/hands_on_research/

13 http://www.einblicke-altenburg.de/?q=node/2652

14 http://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/sexualbegleitung-beruehrungen-fuer-menschen-mit-behinderung

15 https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Phobien

16 https://hypnosekrohn.de/teratophobie-hypnose-berlin

17 http://www.beraten-und-beruehren.ch/beruhrung-und-behinderung/

18 http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/haut.html

19 https://de.wikipedia.org/wiki/Somatosensorischer_Cortex

20 https://de.wikipedia.org/wiki/Sensibilit%C3%A4tsst%C3%B6rung

21 http://scholarpedia.org/article/Central_touch_disorders

22 http://www.alltagsforschung.de/die-psychologie-von-beruhrungen/

 

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