Berührung & Kultur

grandmother-1737756_1920.jpgEs existieren viele Klischees um das Thema Berührung und Umarmung in der Welt. So seien die Deutschen eher distanziert und „kalt“, die Italiener und Spanier hingegen aufgeschlossen und kontaktfreudig. Die Lateinamerikaner, so sagt man, berühren sich ständig, während die Chinesen einen respektvollen Abstand zueinander suchen. Klar scheint zu sein, dass Berührung und Kultur miteinander verwoben sind und immer auch zentrale Formen von Kommunikation markieren sowie geltende Werte und Normen vermitteln. Und auch Kultur und Geschichte eines Landes sind untrennbar miteinander verbunden. So spielte es u.a. in manchen lateinamerikanischen Kulturen, aufgrund geografischer Begebenheiten, eine wichtige Rolle, einander schnell näherzukommen, da der Aufbau fester (Handels-)Beziehungen oftmals über die Zukunft einzelner Stämme entschied.

Generell gelten Lateinamerikaner, Araber, Griechen, Türken und einige afrikanische Kulturen als sehr kontaktreich, wohingegen Nordeuropäer, US-Amerikaner, Kanadier und Asiaten zu den kontaktärmeren Kulturen zählen.

In Deutschland sprechen wir heute von „Berührungskultur“, damit beschreibend, in welcher Art und Weise wir uns heutzutage öffentlich und privat Berührungen schenken (dürfen). Zwischen unterschiedlichen Kulturen können jedoch ähnliche oder sogar scheinbar identische Formen der Berührung entweder als Verletzung des persönlichen Schutzraumes oder aber als essentiell für eine gelungene Kommunikation empfunden werden. So kann die Berührung an der Schulter ebenso als Zeichen der Aufmerksamkeit und Verbundenheit, wie auch als Symbol der Respektlosigkeit gedeutet werden.

pray-1129924_1920.jpgIn Indien z.B. dürfen befreundete Männer Händchen halten.6 Die Berührung der Frau ist in vielen südostasiatischen Kulturen jedoch generell ein Tabu5, weshalb dort häufig das Falten der Hände als verlässliches Begrüßungsritual anzutreffen ist. Wenngleich auch heute in Thailand junge Pärchen einander die Hände halten, ist dies unter den Älteren nur ungern gesehen. Da der Kopf in Thailand als spiritueller Sitz im Körper gilt, berührt man dieses Körperteil eher selten. Dies gilt vor allem auch für Babys und Kleinkinder, die in unserer Kultur häufig und gern an Gesicht und Kopf berührt werden.2 Zudem umarmen sich auch Männer in Thailand eher selten.3 Auch in China ist eine Umarmung ungern gesehen7, da dies vor allem bei älteren Chinesen für Verunsicherung sorgt. Wenngleich das Händeschütteln hier mehr und mehr zur Gewohnheit wird, sind auch Küsschen in der Öffentlichkeit eher unangemessen.9 In vielen arabischen Ländern ist Frauen die Berührung eines (anderen) Mannes untersagt. In Dubai reicht man einander zudem auch als linkshänder nie die linke Hand, da diese als unrein gilt. Dennoch gilt hier der umfangreiche Körperkontakt zwischen Männern, auch bei Geschäftsbeziehungen, als unerlässlich für eine gelungene Kommunkation. Auch russische Männer umarmen einander oft. Dabei sind auch zwei bis drei Wangenküsse keine Seltenheit.8 In den USA werden Berührungen am Arbeitsplatz jedoch schnell als sexuelle Belästigung gedeutet.5 In Kolumbien hingegen berührt man einander sogar sehr häufig, auch dann, wenn man den anderen gerade erst kennenlernt. Umarmungen und Küsschen zwischen Freunden, Familie, Bekannten und oft auch unter Kollegen sind hier Teil der Berührungskultur und, abgesehen von internationalen Geschäftsbeziehungen, völlig normal.

Begrüßungskultur und Berührungskultur sind an vielen Orten der Welt zwei Seiten derselben Medaille. Während das Händeschütteln in unseren Kreisen üblich ist, klatscht man in einigen Gebieten Afrikas in die Hände, in anderen wird mit den Ellenbogen auf die Rippen getrommelt. Nigerianer lassen ihre Finger schnalzen, Araber küssen den Handrücken oder Bart des anderen und Polynesier streichen mit den Händen des anderen über das eigene Gesicht. Mongolen, Malayen oder Lappen beriechen einander und berühren dabei ihre Wangen und Nasen und auch in lateinamerikanischen Ländern war der Handkuss in der Vergangenheit eine anerkannte Grußformel.5* Dennoch gilt auch in vielen südlichen Kulturen, dass man beim Erstkontakt etwa eine Armlänge Abstand nimmt. Südländer geben diesen Abstand jedoch nach kürzerer Zeit wieder auf. Zudem kämen sich die Menschen in Kulturen wärmerer Länder näher, um den Schweiß des anderen als Maß dessen Körperpflege besser riechen zu können.1



Während z.B. die Deutschen, so der Körpersprachler Stefan Verra, bei Gesprächen weniger Dynamik im Vergleich zu europäischen Südstaatlern zeigen, bliebe mehr Zeit Mund, Stimme, Augen und Hände zu beobachten und u.a. aufgrund der Atmung des anderen auf die Gesprächsdynamik zu schließen. So senken wir z.B. die Stimme, wenn wir einen Satz beenden. Man erkenne auf diese Weise, wann man an der Reihe ist, etwas zu sagen. Man wartet oft bis der andere ausgeredet hat und wechselt sich ab. Dies wird auch als Zeichen von Respekt verstanden. Die Italiener sind hier anders. Sie unterbrechen sich ständig im Gespräch. Das Gespräch ist sehr dynamisch, was es schwerer macht, Atmung und Körpersignale zu verfolgen bzw. zu vermitteln. Dies mache es laut Verra notwendig, dass sich Südstaatler meist öfter während eines Gespräches berühren. Sie berühren sich z.B. an der Schulter, den anderen unterbrechend, um so einander die wichtigsten Botschaften zu vermitteln.10 Dieses Nord-Süd-Gefälle bei Berührungen und Umarmungen ist jedoch nicht allein in Nord- und Südeuropa zu beobachten. Selbst innerhalb Deutschlands berühren sich die Menschen öfter im Süden als im Norden des Landes. Ein Phänomen, dass auch zwischen Nord- und Südamerika hinlänglich bekannt ist.

doctor-899037_1280.jpgZudem zeigt sich, dass kompliziertere und differenziertere Sprachen einen höheren Anteil an nonverbaler Kommunikation aufweisen. Dies gelte vor allem für kleinere und komplexere Sprachen gegenüber den großen und meiste einfacher strukturierten Weltsprachen.11, 12 Aber wie auch in Deutschland, sind Kultur und Berührungskultur keine starre Einheit und so weisen Kulturen und Länder auch intern zum Teil starke Schwankungen in der Berührungskultur auf. Es gibt wohl überall auf der Welt kontaktfreudige und kontaktmeidende Menschen oder Familien und auch unsere soziale Rolle (Vater, Geschäftspartnerin, Freund, …) oder unser Alter nimmt in allen Kulturen Einfluss auf unser Berührungsverhalten.

Innerhalb eines Landes werden diese Unterschiede wohl vor allem von sozialen Berufsgruppen erfahren und getragen. So sind u.a. PflegerInnen oder Krankenschwestern heute immer häufiger vor die Herausforderung interkultureller Begleitungen gestellt. Die Menschen in Japan hätten „gewisse Berührungsschwierigkeiten, während in Kamerun der Kontakt miteinander so nah und intim ist, dass die Pfleger manchmal unter dem Bett der Alten schlafen […] Moslemische Frauen [hingegen] empfinden es meist als unangenehm, von Männern gepflegt zu werden […].“4

Und so beeinflussen sich in einer globalisierten Welt Kulturen letztlich auch untereinander. Wir lernen voneinander, denn auch Berührungskulturen sind dynamische Prozesse, die sich im Laufe der Jahrhunderte oder sogar innerhalb von Jahrzehnten stark verändern können. Weltweite Bewegungen wie die „Free Hugs“-Kampagne, körpertherapeutische Arbeit, asiatische und westliche Massagen u.v.m. verändern unsere Wahrnehmung und mit ihr auch unsere Kultur, ebenso wie die unsere ihren Einfluss auf ferne Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche hat.

* Die Quelle bezieht sich auf Begrüßungsrituale in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Quellen:

1 http://www.deafzone.ch/file/file_pool/action/download/file_id/3787/

2 http://www.thaizeit.de/thailand-ratgeber/dos-and-donts/beruehrungen.html

3 https://www.thailand.cd/verhalten-in-thailand/beruehrungen/

4 https://www.op-online.de/offenbach/gepflegtes-multikulti-221836.html

5 http://www.payer.de/kommkulturen/kultur042.htm

6 http://blog.eidam-und-partner.de/2013/04/wenn-maenner-haendchen-halten-und-frauen-die-augen-senken-interkulturelles-trainings-know-how/

7 http://www.t-online.de/reisen/reisemagazin/ratgeber/id_61685058/knigge-durch-die-kontinente-ruelpsen-erwuenscht-kuessen-verboten.html

8 http://www.uni-landau.de/umwelt/study/content/files/archiv/H.Schulz/SS09/Indikatororganismen/Kultur_Petschner.pdf

9 http://www.chinareiseexperte.de/sitten-verhandlungsregeln.htm

10 https://www.youtube.com/user/StefanVerra

11 http://www.zeit.de/2012/29/Sprache-Grammatik

12 http://www.dessaunet.de/dessaunet/diesdas/bodylang.html

Advertisements