Berührung & Sprache

Berührung & Sprache

brain-2062057_1920.jpg„Be-rührung“, etwas, das uns rührt oder sich rührt, bewegt uns – emotional wie körperlich. In vielen Ländern der Welt gilt das Wort „berühren“ im doppelten Sinne. Wir berühren die Hand des anderen ebenso wie wir das Herz eines Menschen berühren. Zahlreiche Sprichwörter und Redewendungen bringen Berührungen auch sprachlich in unseren Alltag. Wir „greifen jemandem unter die Arme“, „reißen uns ein Bein aus“, „wickeln jemanden um den Finger“ oder „treten ihm auf die Füße“. Wir „ziehen etwas an den Haaren herbei“ oder „werfen uns jemandem um den Hals“, wir lieben „mit Haut und Haar“ oder „waschen jemandem den Kopf“. Ja, wir schreiben uns sogar Dinge „hinter die Ohren“ und manchmal, da „liegt uns etwas fast schon auf der Zunge“. Und so würden wir auch in anderen Sprachen manchmal einfach gern „die ganze Welt umarmen“. Wenn man im Leben um etwas nicht herumkommt, so sprechen die Spanier davon, dass es sie „berührt“ (me toca hacer algo). Auch im Italienischen „wäscht eine Hand die andere“ (Una mano lava l’altra.) und wenn man im Englischen den Fuß in den Mund steckt (To put one’s foot in one’s mouth.) ist man in Wahrheit in ein Fettnäpfchen getreten. Ja, gleich der ganze Körper kommuniziert und so sprechen wir auch international von „Körpersprache“. Berührungen und Umarmungen gelten längst als nicht-sprachliche Kommunikationsformen. Wir teilen uns einander mit und senden über die Haut eine große Menge an Informationen an unser Gegenüber. Dabei zeigt sich, dass vor allem kleinere Sprachen, die wesentlich komplizierter und differenzierter aufgebaut sind, als die größeren Weltsprachen, einen wesentlich höheren Anteil an nonverbaler Kommunikation aufweisen.1, 2

leave-1957302_1920.jpgAber auch Sprache ansich berührt uns. Neben Poeten und Schriftstellern weiß auch die Linguistik und Psychologie heute sehr genau, dass uns Worte nicht nur erreichen, sondern ebenso stark psychisch beeinflussen können. Ob prickelnde Worte in einem Liebesroman oder unseren Geschmackssinn beeinflussende Produktnamen3, sie alle wirken nachhaltig auf unsere Wahrnehmung. Und auch moderne Techniken wie das NLP (Neurolinguistisches Programmieren) oder die Lernpsychologie nutzen Worte um uns sinnlich und somit emotional zu erreichen. So nehmen wir verbale Informationen viel effektiver auf, wenn diese mit Sinnen verknüpft werden, die unseren eigenen Lernmustern entsprechen. Menschen, die z.B. leichter mittels visueller Reize lernen (Präsentationen, Bilder, …), sprechen schneller auf Ausdrücke wie „Wie siehst du das?“ oder „Mach dir ein Bild davon.“ an, während Menschen, die motorische Bewegungen bevorzugen eher durch Sätze wir „Wie gehen wir das Problem an?“ oder „Wir bewegen uns im Kreis.“ reagieren.4



Andererseits spiegeln sich körperliche wie emotionale Erfahrungen auch in unserem sprachlichen Weltverständnis wieder. Menschen sind für uns herzlich (warm) oder kalt, weich oder hart, sie machen uns Druck oder sind distanziert. Und tatsächlich konnte die Wissenschaft zeigen, dass physikalische Wärme und soziale Wärme miteinander verbunden sind. Menschen, die ein warmes Getränk oder ein wärmendes Kissen berühren, zeigten sich auch sozial verträglicher, verständnisvoller und großzügiger.5

Aber wie sollte es auch anders sein? Denn, welchen Zweck würde ein so vielseitiges und allgegenwärtiges Mittel der Kommunikation schon erfüllen, wenn Worte wie „Ich liebe dich.“ nichts als bloße Buchstaben wären.


Quellen:

http://www.phraseo.de/sammlung/koerperteile/

1 http://www.zeit.de/2012/29/Sprache-Grammatik

2 http://www.dessaunet.de/dessaunet/diesdas/bodylang.html

3 http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung

4 Barbara Seidl (2015): NLP, Mentale Ressourcen nutzen. Haufe Verlag. Freiburg

5 http://www.yale.edu/acmelab/articles/Science_coffee_study.pdf

 

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