Persönlicher Schutzraum

girlfriends-318340_1920.jpgSprechen wir von unserer „Intimen Zone“, beziehen wir uns zumeist auf unsere Sexualorgane, dabei meint das Wort „intim“ grundsätzlich das Innerste oder Vertrauteste.6 In diesem Sinne definierte der Anthropologe Edward T. Hall in den 1960er Jahren vier Distanzzonen zwischen Menschen, die er in seinen Forschungen erkannte. Die von ihm geprägte und später von Armin Poggendorf erweiterte Proxemik „untersucht und beschreibt die Signale von Individuen, die sie durch das Einnehmen einer bestimmten Distanz zueinander austauschen.“7 Dabei spielt nicht nur die Distanz zueinander (Abstand, Annäherung, Abgrenzung, Abhängigkeit, …), sondern ebenso die Ausrichtung (Blickkontakt, Zuwendung der Körper, Zuneigung, Abneigung, …), Berührungen (z.B. an Händen, Armen, Schulter, Rücken oder Kopf) sowie die Augenhöhe (Körpergröße, Standhöhe und Sitzhöhe) eine entscheidende Rolle.7

In den uns umgebenden Räumen oder „Sphären“ drücken wir unsere sozialen und emotionalen Beziehungen aus und definieren unsere Macht- und Eigentumsverhältnisse, Status- und Rangordnungen, Bestimmungen des Erlaubten und Verbotenen sowie die Abgrenzung von öffentlicher und privater Sphäre.5, 8 Da dies jedoch stark von kulturellen und sozialen Normen abhängt, stellen die im Folgenden beschriebenen Angaben zu den Distanzzonen Richtwerte dar und variieren zum Teil zwischen verschiedenen Ländern.

1. Die „Intime Distanz“ ist zumeist intimen Interaktionen (z.B. Liebe, Trost, Ringkämpfe, …) vorbehalten. Sie kann bis zu einer Distanz von ca. 50cm reichen, wobei wir sowohl den Geruch, die Wärme, Berührungen, als auch Geräusche des anderen sehr intensiv und differenziert wahrnehmen können, während die Sprache hier eher sekundär auftritt. Da diese enge Distanz am meisten Information vermittelt und Vertrauen voraussetzt, teilen wir sie normalerweise mit unserer Familie, Freunden oder unserem Partner. „Jedes unerlaubte oder unerwartete Eindringen in diese Zone wird [hingegen] als aufdringlich, verletzend oder bedrohlich empfunden.“4

metro-820332_1920.jpgGeraten wir jedoch, z.B. im Aufzug oder im Bus, in eine Situation, in der unsere Intimzone unfreiwillig verletzt wird, ermöglicht uns die Vermeidung weiteren sensorischen (sinnlichen) Inputs Abgrenzung und Schutz. So sehen wir u.a. weg oder neigen dem anderen unseren Rücken oder unsere Seite zu. Heutzutage grenzen sich Menschen zudem durch den Gebrauch von Kopfhörern oder die Konzentration auf ihr Handy ab. Stellen wir aber fest, dass andere Menschen scheinbar sehr häufig unsere Intimzone verletzen, deutet dies darauf hin, dass wir selbst mehr Distanz benötigen. Dies wahrzunehmen und anzuerkennen sei wichtig, so der Experte für Körpersprache Stefan Verra.1 Auch das sogenannte „Pokerface“ in oftmals eng besetzten Bussen und Bahnen, beidem wir zumeist versuchen, uns emotional bedeckt zu halten, ist laut Allan und Barbara Pease ein häufig anzutreffendes Phänomen.11

2. Die „Persönliche Distanz“ reicht von ca. 50 bis 120cm. Wir teilen diesen Raum vor allem in der Interaktion mit guten Freunden und Bekannten. In dieser Distanz können wir visuelle, auditive sowie sprachliche Reize gut wahrnehmen, wobei weniger sensorischer Input möglich ist, als in der „Intimen Zone“. Sie dient u.a. der Gesprächsführung. Bei Julius Fast (1999) lässt sich zudem die Unterteilung in eine nahe (60 – 90cm; Vertrautheit) und entfernte (1 – 1,5m; Händeschütteln) persönliche Distanz finden.8

3. Die „Soziale Distanz“ ermöglicht bei einem Abstand von ca. 120 bis 360cm offizielle, unpersönliche, und geschäftsbezogene Kontakte. Während wir sprachliche Reize noch immer gut wahrnehmen können, ist die Aufnahme visueller Details bereits begrenzt. Es ist daher auch kaum sensorischer Input vorhanden, ein Zustand, den wir im Kontakt mit ranghöheren Personen oder Geschäftspartnern erleben. Fast (1999) nennt hier wiederum eine nahe (1,5 – 2m; z.B. Geschäftsgespräche) und eine entfernte (2 – 4m; eventuelles Gespräch) soziale Distanz.8

4. Die „Öffentliche Distanz“ von ca. 3,6 bis 7,5m dient schließlich der formalen Interaktion zwischen einer Person und der Öffentlichkeit, wie dies bei Lehrern, Rednern oder Politikern häufig der Fall ist. Die visuelle und auditive Wahrnehmung ist dabei eingeschränkt, sodass nahezu kein sensorischer Input vorhanden ist. Dies wird ggf. durch Gestik kompensiert. Je höher der soziale Status einer Person, desto mehr Raum wird dieser zudem zugestanden. Nach Fast (1999) kann hier wiederum in eine nahe (4 – 8m; Referent bei Vorträgen) und eine enfernte (8 – x-m; sehr beschränkte Wahrnehmung des anderen) öffentliche Distanz unterschieden werden.8

fist-1561157_1920.jpgDie Bedeutung unserer kulturellen Prägung bezüglich der verschiedenen Distanzzonen zeigt sich auch darin, dass diese, „einmal gelernt, weitgehend außerhalb der bewußten Wahrnehmung“9 liegen. So sei die intime oder private räumliche Zone bei Südeuropäern enger gesetzt als bei Nordeuropäern.10 „Chinesen betrachten [hingegen] ihre persönliche Armlänge als ihren „innersten Kreis“, in dem nur der Einzelne entscheidet, wer in diesen Raum eintreten darf.“8 Bei verbalen oder körperlichen Angriffen jedoch, würde erst bei Überschreitung dieser räumlichen Grenze „der Impuls zur Selbstverteidigung“ erlauben, „sich zu wehren.”8 Auch Japaner benötigen im Durchschnitt eine größere intime und persönliche Distanz als Europäer.

Doch neben kulturellen Einflüssen spielen auch andere Faktoren eine Rolle. So entscheiden u.a. Sympathie, Zugehörigkeit, Situation, Geschlecht, emotioanle Verfassung, Körpergröße und Persönlichkeit über unser Empfinden und die Umsetzung körperlicher Distanzen. So bräuchten introvertierte Menschen mehr Raum als Extrovertierte und Männer mehr Raum als Frauen.8 Auch psychisch erkrankte Menschen benötigen oftmals eine größere persönliche Distanz, während attraktive Menschen meist eine geringere Intime Distanz aufweisen.2, 3

All dieses Wissen wird u.a. bei system-therapeutischen Aufstellungen oder Team-Coachings angewandt, da es Aufschluss über gruppen-dynamische Prozesse und deren unbewusste Auswirkungen gibt. In speziellen Übungen werden so z.B. Berührungen in berufsbezogenen Gruppen genutzt, um „sich zu zeigen, auszudrücken und eventuell zu verändern“.8

In Zeiten immer großer anschwillender Städte-Komplexe und Menschen-Ansammlungen, mag die Schaffung künstlicher Intimzonen, z.B. über soziale Netzwerke, eine notwendige Reaktion auf die nahezu ständige Verletzung unserer Intimsphäre sein, wenngleich dieselbe Digitalisierung unseres Lebens ihrerseits auch das Bedürfnis nach der Verengung unseres persönlichen Schutzraumes mit sich bringen mag und weltweite Phänomene wie die „Free Hugs“-Kampagne erzeugt.

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Nicht nur unser persönliches Bedürfnis nach räumlichem Abstand, sondern auch unser Verständnis von Privatsphäre unterscheidet sich zwischen verschiedenen Kulturen. Während das Schließen der eigenen Zimmertür in Deutschland eine völlig unproblematische Form der Wahrung unseres „privaten Raumes“ darstellt, kann dieselbe Geste z.B. in Kolumbien zu großen Missverständnissen führen und Gefühle der Ausgrenzung und Entwertung gegenüber der Familie provozieren. Das breitbeinige Sitzen in Bussen und Bahnen, vor allem der Männer, signalisiert hingegen vermutlich in allen Kulturen: „Ich brauche Platz und den nehme ich mir auch.“, eine Philosophie die, wie Stefan Verra ausführt, durchaus zu überdenken sei. Denn wir wirken auf unser Umfeld und ebenso wie wir uns nach Nähe und Distanz sehnen, benötigt auch unser Gegenüber Entscheidungsfreiheiten über seinen persönlichen Raum, um Beziehungen in einem gesunden Maße gestalten zu können. Um dies zu verstehen und leben zu können, mag die Wahrnehmung und Anerkennung unserer eigenen Nähe-Distanz-Bedürfnisse essentiell und grundsteinlegend sein, damit auch Berührungen und Umarmungen keine Grenzen überschreiten, sondern überwinden können.

 


Quellen:

http://www.curkovic.onlinehome.de/files/K%F6rpersprache.pdf

1 https://www.youtube.com/watch?v=yf_svOCNExU&list=PLuPhpHrOZUWE3XIoaop1xAYI1GWaJznTL&index=3

2 http://www.didactics.eu/fileadmin/analyse/beispiele_lehrpraxis/theoriearbeit-koerpersprache-ss11.pdf

3 M.J. Horowitz (1964): Body buffer zone. Exploration of personal space. Archives of General Psychiatry, 11, 651-656

4 Hoffmann & Hofmann (2008): Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater. Beltz Verlag, Weinheim, Basel

5 T. Fuchs (2000): Psychopathologie von Leib und Raum. Steinkopff Verlag, Darmstadt

6 https://de.wiktionary.org/wiki/intim

7 https://de.wikipedia.org/wiki/Proxemik

8 http://www.iug-umwelt-gesundheit.de/pdf/2006-4_schwerpunkt2_Proxemik.pdf

9 http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/proxemik/10396

10 https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_T._Hall

11 Allan und Barbara Pease (2006): The definitive Book of Body Language, How to read others‘ attitudes by their gesture. Orion Verlags-Gruppe, Vereinigtes Königreich.

 

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