Die virtuelle Umarmung

Die Virtuelle Umarmung

„Ich wünschte, du wärst jetzt gerade bei mir in diesem Zimmer. Ich wünschte, ich könnte meine Arme um dich legen. Ich wünschte, ich könnte dich berühren.“  (Filmzitat aus „Her“)

human-1138001_1920.jpgWir leben im sogenannten Informations-Zeitalter. Computer, Handys, Tablets, Fernseher und viele andere technische Hilfsmittel vernetzen uns untereinander und schaffen einen neuen Raum der Transparenz und des Wissens. Eine Beziehungserfahrung, die ausschließlich in unserem Kopf, über unsere Augen und Ohren,  stattfindet und unseren Körper, wenn überhaupt, nur durch das Berühren von Tastaturen, Touchscreens oder Plastikhüllen miteinbezieht. Die immense Menge an Informationen, die wir beim Kontakt von Haut zu Haut aufnehmen, geht dabei jedoch verloren oder ist scheinbar stark begrenzt.

Wir versenden Textnachrichten über Facebook, in E-Mails, Twitter und Co. und oftmals senden wir auch Küsschen oder eine symbolische Umarmung – die virtuelle oder auch digitale Umarmung. Und das vielleicht häufiger als wir dies im physischen Leben tatsächlich tun. Dann nämlich, wenn die Person in Fleisch und Blut vor uns steht. Es scheint leichter zu sein, unser Bedürfnis und das Geschenk einer Umarmung symbolisch auszudrücken. Vielleicht überwinden wir so innere Schranken, die uns sonst eine leibliche Umarmung erschweren. Facebook und Co. bieten längst diverse Umarmungs-Apps an, die es ermöglichen, digitale Umarmungen zu versenden. Kritische Stimmen sehen hierin eine Abnutzung der Geste oder aber ein übergriffiges Verhalten, da solche virtuellen Umarmungen innerhalb sozialer Netzwerke und Foren oftmals vorbehaltlos verschenkt würden, eine Handlung, die „in der physischen Welt“ schnell als grenzüberschreitend gewertet würde.

father-342498_1920.jpgHeute arbeiten zahlreiche Mütter, Väter oder Lebenspartner im Ausland, reisen über die Woche oder gar für viel Wochen und Monate in entfernte Teile der Erde. Online-Programme wie Skype ermöglichen es Familien und Freunden, „in Kontakt“ zu sein, einander zu sehen und zu hören. Doch wer, der diese Situation schon einmal erlebt hat, kennt nicht die herzliche und doch auch schmerzliche Verabschiedung, die oftmals von einer virtuellen Umarmung begleitet ist? Wir spüren vielleicht für einen Moment die Wärme des anderen, wenn auch nur in uns selbst projiziert, wir spüren die Bedeutung, die wir im Leben des anderen haben und überbrücken die schier unendlichen Distanzen zwischen zwei Bildschirmen. Einige mögen sich in diesen Momenten selbst in den Arm nehmen und fest drücken, um sich jene Umarmung zu schenken, die sie sich vom anderen so sehnlichst wünschen.

Forscher arbeiten daher in Ländern wie Japan oder den USA daran, Technologien zu entwickeln, die es uns ermöglichen sollen, Umarmungen entfernter Menschen auch haptisch, also über unsere Haut, zu empfinden. Sensoren nehmen Bewegungen und Druckimpulse mittels spezieller Westen wahr und übermitteln die Daten an eine weitere Weste, die der Partner „in Übersee“ trägt. Doch welche Wirkung haben Berührungen ohne tatsächlichen Hautkontakt auf uns?



Wie auch immer unsere Zukunft und mit ihr die Zukunft der virtuellen Berührung und Umarmung aussehen mag, es ist anzunehmen, dass solche „berührenden technischen Hilfsmittel“ in einer mehr und mehr globalisierten Welt an Bedeutung gewinnen werden. Welchen Standpunkt man dazu auch immer vertreten mag, wird doch auch hier die Relevanz zwischenmenschlicher Berührungen überdeutlich. Aber vielleicht ermöglichen uns große Distanzen ja auch eine noch intensivere und herzlichere Erfahrung, dann nämlich, wenn wir einander nach langer Zeit wiedersehen und uns im Bewusstsein um dieses Geschenk fest und inniglich in die Arme schließen.

 

 

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